Frauenkopf mit Hand am Ohr

Frieden hört zuerst zu

Jürgen Ferrary
20. Juli 2026

Wahrscheinlich kennst du solche Situationen genauso wie ich. Aus einem Gespräch wird eine Diskussion. Aus einer Diskussion ein Streit. Und plötzlich steht etwas zwischen zwei Menschen, das vorher gar nicht da war. Das passiert in Ehen, Familien, Freundschaften, am Arbeitsplatz oder sogar in Gemeinden. Man wünscht sich, man könnte einfach sagen: „Schwamm drüber!“ Doch so einfach ist das oft nicht.

Manchmal reichen wenige Worte, um einen Riss entstehen zu lassen, der über Jahre bestehen bleibt.

Jesus sagt: „Selig (gesegnet, glücklich) sind die Friedensstifter“ (Matthäus 5,9). Friedensstifter warten nicht darauf, dass sich Konflikte von allein lösen. Sie tragen dazu bei, dass Verletzungen heilen und Beziehungen wiederhergestellt werden. Doch wie gelingt das?

Jakobus gibt eine überraschend einfache Antwort: „Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn“ (Jakobus 1,19). Frieden beginnt nicht mit guten Argumenten. Er beginnt mit Zuhören.

Dafür gibt es einen englischen Satz, den ich sehr treffend finde: Hurt people hurt people. Verletzte Menschen verletzen Menschen. Wenn uns jemand angreift, reagieren wir meist instinktiv. Wir schießen zurück, verteidigen uns oder ziehen uns verletzt zurück.

Ein Friedensstifter tut etwas anderes. Er hört zuerst zu. Nicht nur auf die Worte, sondern auch auf das, was dahinter steckt.

Ich weiß, wie schwer das sein kann. Meine Mutter hat meinem Bruder und mir vieles zugemutet. Besonders wenn Alkohol im Spiel war, fielen Worte, die tief verletzt haben. Lange Zeit machte mich das selbst hart und verletzend.

Erst viele Jahre später verstand ich, dass meine Mutter selbst eine Kindheit erlebt hatte, die von Lieblosigkeit und Verletzungen geprägt war. Versteh mich bitte nicht falsch: Das entschuldigt ihr Verhalten nicht. Aber es hilft mir, es zu verstehen. Und genau das verändert meinen Blick.

Wer nur auf das hört, was gesagt wird, reagiert schnell. Wer versucht zu verstehen, warum jemand so spricht, reagiert anders. Deshalb hört ein Friedensstifter nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit dem Herzen.

Er trennt die Sache von den Emotionen. Er stellt Fragen, bevor er urteilt. Er versucht zu verstehen, bevor er selbst verstanden werden möchte.

Das bedeutet nicht, dass er allem zustimmt oder Unrecht gutheißt. Aber Menschen sind meist erst dann bereit zuzuhören, wenn sie sich selbst verstanden fühlen. Vielleicht hat Gott uns nicht ohne Grund zwei Ohren und nur einen Mund gegeben.

Ich merke jedenfalls immer wieder, wie weit ich davon entfernt bin. Oft möchte ich lieber antworten als zuhören. Lieber Recht behalten als Frieden schaffen.

Doch Jesus lädt uns zu einem anderen Weg ein. Wer zuhört, bevor er redet, schafft Raum für Verständnis. Und wo Verständnis wächst, kann Versöhnung entstehen. Vielleicht beginnt Frieden manchmal gar nicht mit dem richtigen Satz. Sondern mit einem offenen Ohr.

Herausforderung für heute: Denke heute an einen Menschen, mit dem dir das Zuhören besonders schwerfällt. Bitte Gott, dir zu zeigen, was hinter dessen Worten stecken könnte. Jemand, der verletzt ist der, der Liebe am nötigsten hat, auch wenn er sie am wenigsten verdient.

Und wenn sich heute eine schwierige Unterhaltung ergibt, dann nimm dir bewusst vor, zuerst Fragen zu stellen und wirklich zuzuhören, bevor du antwortest.

Vielleicht beginnen Frieden und Versöhnung genau dort.

Sei gesegnet!

„Die meisten Menschen hören nicht zu, um zu verstehen. Sie hören zu, um zu antworten.“ — Stephen R. Covey

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